Ein Hoch auf die Väter! Oder warum es mich aufregt, dass Vatersein bestraft wird!

Väter wollen immer mehr für ihre Kinder da sein.
Väter wollen immer mehr für ihre Kinder da sein.

Vergangene Woche erschütterte mich ein Online-Artikel des Fachmagazins W&V, in dem ein junger Vater aufgrund seiner genommenen Elternzeit seinen Job in einer Agentur verlor.

Ich war wohl nicht allein mit meiner Erschrockenheit, denn die Geschichte verbreitete sich augenblicklich viral über die sozialen Netze. Auf der Internetseite der W&V ist mittlerweile zu lesen, dass selbst die BILD über den Fall berichtete.

Erschreckend: Vater nach Elternzeit gekündigt

Zwei Gedanken schossen mir durch den Kopf, als ich die Reaktionen zum Artikel einzuordnen versuchte.

Der erste: Still und leise fragte ich mich, ob eine derartige Reaktion wohl auch bei einer unmittelbar nach der Elternzeit gekündigten Mutter erfolgt wäre, und lieferte gleich die Antwort mit: Vermutlich nicht! Das soll jetzt aber keine Emanzen-Kritik sein; Im Gegenteil, hier könnte nun eine echte Chance auf Veränderung liegen. Denn bisher war das Elternzeit-Karriereaus vor allem ein Frauen-Problem.

Ist Elternzeit wie Urlaub?

Denn, mal ehrlich: Wegen zwei Monaten “Urlaub” (so zumindest die landläufige Meinung vieler Vorgesetzter in Bezug auf Elternzeit), wird ja keine neue Stelle besetzt oder womöglich die Abteilung umstrukturiert. Der harte Karriereknick blieb den meisten Vätern daher bisher erspart, womit ich nicht sagen will, dass nicht auf die zweimonatige Elternzeit ggf. auch unschöne Konsequenzen folgen könnten: Für die Beförderung wird vielleicht jemand anderes in Betracht gezogen, der gerade an Ort und Stelle war oder ein bestimmtes Projekt zu dem fraglichen Zeitpunkt erfolgreich abgewickelt hat oder der – ganz simpel gesagt – das traditionelle Weltbild, Erziehung sei Frauensache, nicht auf den Kopf gestellt hat. Das können alles Diskriminierungen sein, denen sich engagierte Väter bedauerlicherweise ausgesetzt sehen und die mehr und weniger schmerzhafte Folgen für die Karriere haben.

Die meisten Väter nehmen zwei Monate Elternzeit – dies könnte sich nun ändern

Väter spielen eine enorm wichtige Rolle in der Entwicklung von Kindern. Von Urlaub kann keine Rede sein.
Väter spielen eine enorm wichtige Rolle in der Entwicklung von Kindern. Von Urlaub kann keine Rede sein.

Dies sind jedoch vor allem, – ich will sie mal – weiche Faktoren nennen (gleichwohl sie gewiss nicht immer soft in ihren Konsequenzen sind), während ich hier noch mal von den – sagen wir – harten Faktoren sprechen möchte, die bislang eher weniger diskutiert wurden, da die überwiegende Anzahl der jungen Väter meist lediglich die zwei Monate Elternzeit beantragt hat. Dies könnte sich nun ändern, wie der vorliegende Fall in trauriger Weise illustriert.

Mitgefühl und Aufbruchsstimmung

Und hier komme ich dann zu meinem zweiten Gedanken: Echtes Mitgefühl mit dem jungen Vater, der sich jetzt plötzlich unfreiwillig und völlig unvorbereitet auf dem freien Arbeitsmarkt befindet, und zwar, weil er Anteil haben wollte an der Entwicklung seines Kindes. Ich wünsche ihm, dass er auch dank der medialen Aufmerksamkeit, die seinem Schicksal nun zuteil wurde, schnell eine herausfordernde Stelle findet.

Mit dem Mitgefühl mischt sich aber eben auch so etwas wie Aufbruchsstimmung. Wie schön wäre es, wenn wir jetzt endlich mal gemeinsam und vereint – jenseits von Geschlechterdiskursen, -krämpfen und -kämpfen – bei Unternehmen und Politik (ich denke, hier müssen öffentliche und private Hand zusammenarbeiten) dafür stritten, die Karriereperspektiven von jungen Eltern zu verbessern? Zum Beispiel durch flexible Arbeitszeiten, Jobsharing-Modelle, Motivationsanreize, nach der Elternzeit genauso engagiert zurückzukehren, und vielen weiteren Initiativen?

Mit Kindern schulen wir unsere Soft Skills und werden für den Arbeitgeber noch wertvollere Arbeitskräfte

Soft Skills sind wichtig im Job und werden zu Hause mit kleinen Kindern trainiert - völlig kostenfrei für den Arbeitgeber. © Trueffelpix - Fotolia.com
Soft Skills sind wichtig im Job und werden zu Hause mit kleinen Kindern trainiert – völlig kostenfrei für den Arbeitgeber. © Trueffelpix – Fotolia.com

Wo sonst werden Soft Skills wie Führungsstärke, Einfühlungsvermögen, Kommunikations- und Konfliktfähigkeit, Geduld, Teamgeist, Überzeugungskraft, Verantwortungsbewusstsein, Zuverlässigkeit oder Kreativität so gut geschult (und das auch noch völlig kostenfrei für den Arbeitgeber) wie in den eigenen vier Wänden mit dem zuweilen nervenaufreibenden Nachwuchs?

Kinder kosten, ja: Und?

Und mit Verlaub: Ich kann es nicht mehr hören, dass Elternzeit Unternehmen etwas kostet. Meine Sache ist es ohnehin nicht, Kinder und deren Erziehung volks- oder betriebswirtschaftlich zu rechtfertigen, aber gut: Ja, das alles kostet sicher, so wie viele andere Dinge auch. Aber was kostet es eigentlich, wenn es keine Kinder mehr gibt? Abgesehen davon, dass hier völlig unberücksichtigt bleibt, wie wundervoll es ist, Kinder zu haben. Der Kommentar eines Freundes auf den oben erwähten Fall lautet: “Wer Kinder bekommen bestraft, versteht nicht, wie Wirtschaft funktioniert. Keine Kinder, keine Kunden, keine Rente, keine Zukunft!” So, das musste mal gesagt werden.

Warum haben es junge Mütter bei der Jobsuche so schwer?

Frauen haben viele Gesichter und Bedürfnisse. Es geht darum, dass sie ihr Leben selbstbestimmt leben können und dazu die Möglichkeit erhalten.
Frauen haben viele Gesichter und Bedürfnisse. Es geht darum, dass sie ihr Leben – im Job und privat – selbstbestimmt leben können und dazu die Möglichkeit erhalten.

„Welche Stressbewältigungsstrategien zur Vereinbarkeit von Job und Familie haben Sie entwickelt?“ „Was machen Sie, wenn weder Partner (meine erste Antwort), noch Babysitter (meine zweite Antwort), noch Großeltern (meine dritte Antwort) das Kind betreuen können?“

Am meisten habe ich mich bei diesen Fragen, denen ich in Bewerbungsgesprächen ausgesetzt war, hinterher darüber geärgert, nicht zurückgefragt zu haben: „Stellen Sie solche Fragen eigentlich auch männlichen Bewerbern, die in ihrem Lebenslauf angegeben haben, sie seien Vater?“ (Ich habe mich mal umgehört in meinem Freundes- und Bekanntenkreis und kann diese Frage – zumindest für diese jungen Väter – definitiv mit “Nein” beantworten.) Leider ist es mir in dem Moment jedoch nicht eingefallen, zu konsterniert war ich ob der Tatsache, dass solche provokanten Fragetechniken im 21. Jahrhundert, einer Zeit also, in der aus allen Ecken und Mündern der demographische Wandel als das eigentliche Übel entlarvt wird, tatsächlich noch geübte Praxis sind.

Mütter müssen sich in Bewerbungsgesprächen provokante Fragen gefallen lassen

Das besonders Traurige daran ist, dass sich diese Interrogation ganz spielerisch auf sämtliche  Branchen und Tätigkeitsfelder übertragen lässt, ohne dass es einer größeren Anpassung bedarf. Die Frauen und Mütter, mit denen ich über ihren beruflichen Wiedereinstieg gesprochen habe, könnten qua ihrer beruflichen Herkunft nicht unterschiedlicher sein: Ob Zahnärztin, NGO, Kostümbildnerin, Apotheke, Hotelmanagerin oder Personalvermittlung: Die Erfahrungen sind leider ähnliche.

Job Interview
Job Interview

(Meine vierte und wohl aus Sicht des Interviewers auch nicht richtige Antwort war übrigens, dass ich das Projekt dann im Homeoffice beenden würde).

Kinder sind immer noch Frauensache

Genau darin scheint jedoch das Kernproblem zu liegen: Im Job-Kontext scheinen Kinder grundsätzlich nur ihre Mütter etwas anzugehen (und so also der Karriere eher hinderlich zu sein), nicht jedoch deren Väter. (Dabei kenne ich unheimlich viele Väter, die sich genauso liebevoll um ihr krankes Kind kümmern wie das die Mama täte.)

Aus langjähriger Beobachtung weiß ich, dass ein (zumindest nach außen) intaktes Familienleben für die meisten Männer sogar karrierebegünstigend wirkt. Dieser Umstand könnte auch mit einer bisweilen noch erschreckend großen homophoben Einstellung unter uns zusammenhängen. Die gesendete Botschaft lautet dann: Hey, mit mir ist “alles in Ordnung”.  Daran können auch öffentliche Bekundungen Promineter  wie kürzlich die des Apple Chef Tim Cook,  der seine Homosexualität öffentlich bekannt gab und dafür natürlich – nach dem offiziellen Konsens – von allen Kollegen hinreichend mit Zuspruch überhäuft wurde, nicht viel ändern. Die wirklich beschämende und leider noch real existierende Homophobie wird also nicht öffentlich zur Schau gestellt, außer vielleicht von der erzkonservativen Skandalnudel Matthias Matussek, aber in diesem Fall vielleicht nur, um gelesen und wahrgenommen zu werden…wer weiß?! Auf jeden Fall heißt es nicht, dass sie nicht mehr existiert. Leider.

Nach außen wird Toleranz propagiert

Für mich liegen aber genau hier der Kern und die Analogie. Kein Mensch (na gut, kaum einer) würde ja auch heute noch öffentlich zugeben, dass Frauen und Mütter nicht arbeiten sollen. Aber meinen tun es dann doch sehr viele nicht. Mag ja sein, höre ich jetzt viele einwenden, dass es viele Frauen gibt, die nach ihrer Babypause im Job ein wenig kürzer treten und nur noch in Teilzeit arbeiten wollen. Und die der ausgeübten Tätigkeit nicht mehr allzu großes Gewicht geben, weil sie ihr selbstbestimmtes Leben eher im Privaten verwirklicht sehen. Ich werde mir sicher in keinem Fall anmaßen, den einen Weg als den richtigeren zu beurteilen. Im Gegenteil: Oft genug frage ich mich ja auch, ob es nicht auch ein bisschen grausam von mir, in jedem Fall aber häufig genug traurig ist, mein eigenes Kind so früh in die Fremdbetreuung gegeben zu haben. Die für mich entscheidende Wahlfreiheit macht es einem meistens nicht leicht.

Motive für Vereinbarkeit von Job und Familie sind vielfältig – Voraussetzungen dafür müssen geschaffen werden

Es gibt aber eben auch Frauen, die möchten gern genau da weitermachen, wo sie sechs bis zwölf Monate zuvor aufgehört haben, die wollen durchstarten. Sich dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stellen. Vielleicht müssen sie es auch, weil ihr Gehalt ganz wesentlich zum Haushaltseinkommen beiträgt und fest damit gerechnet wird? Oder sie alleinerziehend sind? Das Leben mit Kindern wird ja in aller Regel nicht günstiger.

Klar ist auch, dass sich die Arbeitswelt in der Zwischenzeit weiter gedreht hat. Wer also nach der Babypause nahtlos an alte Positionen anknüpfen möchte, sollte sich währenddessen immer mal wieder mit den für die jeweilige Branche relevanten Themen beschäftigen, um auf dem Laufenden zu bleiben.

Ganz gleich aber, ob Selbstverwirklichung, ein höherer Lebensstandard oder aber Existenzsicherung dahinter stehen, wir als Frauen müssen an unsere eigene Zukunft denken. Ja, zum Glück gibt es keine Abhängigkeiten und Versorgungsansprüche mehr von Frauen an ihre Exmänner, Unterhaltsansprüche gelten ausschließlich für die Kinder.

Selbstbestimmung steht im Vordergrund

Frauen im Job
Frauen können auch arbeiten.
Und das finde ich gut. Weil ich ein selbstbestimmtes Leben führen möchte. Ich möchte mit meinem Partner zusammen sein, weil ich mit ihm zusammen sein möchte. Und nicht aus irgendeinem anderen Grund. Das kann ich auch dank vieler Demonstrationen und hartnäckiger Frauen, die etwas an unserer Lage verändert haben. Leider ist es jedoch noch nicht ganz so. Wer nämlich nicht ordentlich in die öffentliche (und private) Rentenversicherung eingezahlt hat, dem (der) droht im Alter die Armut.
Darüber mache ich mir Gedanken.
Ich möchte gern arbeiten und auch im Alter nicht abhängig sein müssen von (m)einem Mann. Sondern auch im Alter noch die Wahlfreiheit haben. Nicht nur darum ärgert es mich, dass junge und gut ausgebildete Mütter es so schwer haben, eine attraktive Anstellung zu finden. Hier läuft noch etwas schief.